„Ich habe meinen Weg gesucht – und ihn gefunden“
25 Jahre beim WTB: Verbandstrainer Genadi Mihaylov über seine Tennisreise, echte Talente und die Kunst, immer weiterzulernen.
Seit 25 Jahren ist Genadi Mihaylov Teil des WTB. In dieser Zeit hat sich nicht nur der Tennissport verändert – auch aus dem jungen, stets auf Achse befindlichen Trainer ist ein erfahrener Verbandstrainer geworden, der heute ganz bewusst seine Energie einteilt. Geblieben ist seine Leidenschaft für Tennis. Im Gespräch blickt Genadi auf seinen ungewöhnlichen Weg vom Nachwuchsspieler in Sofia über seine Zeit als Spielertrainer und Cheftrainer bis hin zu seiner heutigen Tätigkeit im WTB zurück. Er erzählt, was ein Talent wirklich ausmacht, warum Niederlagen genauso wichtig sind wie Siege und weshalb für ihn Erfolg vor allem eines bedeutet: sich entwickeln zu können.
Vom Ballwand-Spieler zum Verbandstrainer
Fast 48 Jahre seines Lebens hat Genadi Mihaylov auf Tennisplätzen verbracht. Seine ersten Schläge machte er als Siebenjähriger in Sofia – zunächst allerdings nicht auf dem Platz. Als Sohn eines Tennistrainers musste er sich seinen Zugang zum Tennis erst verdienen. Stunden an der Ballwand, Platzpflege und das Bewässern der Plätze gehörten zu seiner Jugend ebenso dazu wie das Beobachten anderer Spieler.
„Damit du was bekommst, musstest du etwas tun, etwas schaffen“, erinnert sich Mihaylov. Diese Erfahrung hat ihn geprägt. Tennis bedeutete für ihn schon früh weit mehr als das Spiel mit dem Schläger. Es ging um Disziplin, Wertschätzung und darum, sich Chancen zu erarbeiten.
Sein Weg führte ihn schließlich nach Deutschland. Anfang der 1990er-Jahre kam Mihaylov als Spielertrainer zum TC Selters, spielte parallel Preisgeldturniere auf ITF-Ebene und begann, seine Trainerlaufbahn systematisch aufzubauen. 2000/2001 absolvierte er die A-Trainer-Ausbildung des Deutschen Tennis Bundes im Bundesleistungs- und Ausbildungszentrum Hannover – als bis heute einziger bulgarischer A-Trainer im Tennis.
Seine Spielerkarriere nahm dennoch ein anderes Ende als ursprünglich erhofft. Fehlende Sponsoren, hohe Reisekosten, Visa-Bestimmungen und die schwierigen Bedingungen für einen bulgarischen Spieler machten den Weg auf der Tour kompliziert. Mihaylov entschied sich deshalb bewusst für die Trainerlaufbahn.
„Ich habe den Weg gesucht, bei dem ich meine Leidenschaft und meinen Sport so betreiben kann, wie ich es mir vorstelle. Das habe ich glücklicherweise in Deutschland gefunden.“
Drei Jahrzehnte, viele Stationen – und immer 100 Prozent
Seinen ersten Cheftrainerposten übernahm Mihaylov beim TC BW Vaihingen-Rohr. Parallel begann seine Tätigkeit für den WTB als Bezirkstrainer. Es folgten Jahre als Personaltrainer und Reisecoach sowie ab 2009 eine zweite Cheftrainerstation beim TC Waiblingen.
Dort betreute er unter anderem die damals 14-jährige Barbora Krejčíková in der Regionalliga. Die Tschechin sollte später Roland Garros und Wimbledon gewinnen. Noch heute erinnert sich Mihaylov gerne an diese Zeit – und an einen bestimmten taktischen Hinweis, den er der jungen Spielerin damals immer wieder mitgab.
„Ball nach außen und den nächsten ins freie Feld“, erklärt er lachend. „Als sie 2021 Roland Garros gewonnen hat, habe ich ihr geschrieben: Genau so hast du es damals schon gemacht.“
2013 wechselte Mihaylov schließlich vollständig zum WTB. Was zunächst vor allem die Arbeit als Verbandstrainer bedeutete, entwickelte sich über die Jahre zu einem breiten Aufgabenspektrum: Lehrwesen, Turnierbetreuung, Konditionstraining, die Arbeit mit unterschiedlichen Altersklassen und die Begleitung von Spielerinnen und Spielern auf nationaler Ebene.
„Wenn du ständig eine Aufgabe bekommst, wirst du auch immer besser“, sagt er rückblickend. Der große Unterschied zu seinen Anfangsjahren: Heute versucht Mihaylov nicht mehr, überall gleichzeitig zu sein. „Früher habe ich mich für mehrere Tätigkeiten zu 100 Prozent verausgabt. Heute verausgabe ich mich zu 100 Prozent für bestimmte spezielle Einsätze.“ Erfahrung, sagt Mihaylov, habe ihm dabei geholfen, seine Energie besser zu dosieren. Geblieben ist aber der Anspruch, sich mit voller Leidenschaft einzubringen.
Bilder aus dem Archiv: Genadi Mihaylov in Rumänien
„Ein Talent muss sich schnell erholen können“
Wer Genadi Mihaylov über Talent sprechen hört, merkt schnell: Eine einfache Definition gibt es für ihn nicht. Ballgefühl und koordinative Fähigkeiten seien wichtig, genauso wie Spielverständnis. Entscheidend sei aber die Kombination verschiedener Eigenschaften.
„Für mich sind drei E entscheidend: Einstellung, Einsatz und Einsicht.“
Ein Talent müsse bereit sein, einen Weg zu gehen, sich anzustrengen und Ratschläge anzunehmen. Besonders wichtig sei außerdem die Fähigkeit, nach Rückschlägen schnell wieder zurückzukommen. Gerade der WTB Talent Cup zeigt für Mihaylov, was damit gemeint ist. Innerhalb kürzester Zeit erleben Kinder Siege und Niederlagen, Euphorie und Enttäuschung. Tennis wird dabei mit Staffeln und anderen Mannschaftsaufgaben verbunden. Genau diese Wechsel machen den Wettbewerb für ihn so wertvoll.
Dabei warnt Mihaylov davor, Kinder zu früh in Schubladen zu stecken. Auch ein Kind mit außergewöhnlichem Ballgefühl könne sich nicht entwickeln, wenn Einstellung und Einsatz fehlen. Umgekehrt könne sich ein Spieler über mehrere Jahre enorm weiterentwickeln. Deshalb schaut Mihaylov bei Sichtungen längst nicht nur auf das Kind selbst. Auch das Umfeld spielt für ihn eine wichtige Rolle. Bei Regionalsichtungen geht es für ihn deshalb nicht nur darum, an einem Tag die vermeintlich Besten herauszufiltern. Kinder, die zunächst nicht überzeugen, bleiben im Blick. Vielleicht waren sie nervös, krank, müde oder einfach noch nicht so weit. „Ich würde nie jemanden zu früh abschreiben.“
Was sich verändert hat – und was bleiben muss
Auch der Tennissport hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark verändert. Das Spiel ist schneller, intensiver und athletischer geworden. Dank moderner Trainingskonzepte können Kinder bereits in sehr jungen Jahren technisch beeindruckendes Tennis spielen.
Für Trainer bedeute die Entwicklung deshalb vor allem eines: mitdenken und sich selbst weiterentwickeln. Dazu gehört für Mihaylov auch ein möglichst vielseitiger sportlicher Ansatz. Erfahrungen aus anderen Sportarten wie Skifahren oder Golf können Bewegungsabläufe ergänzen und neue Impulse geben. Gleichzeitig sieht er eine große Herausforderung in der zunehmenden Belastung junger Athletinnen und Athleten. Die sportliche Entwicklung schreite voran, der menschliche Körper habe aber weiterhin Grenzen. „Sehnen, Gelenke und Muskeln können wir nicht updaten oder upgraden. Das geht nicht.“ Eine intelligente Belastungssteuerung werde deshalb immer wichtiger.
„Erfolg ist Leistung in Relation zur Erwartungshaltung“
Was bedeutet Erfolg nach 25 Jahren als Trainer? Für Mihaylov ist die Antwort weniger eindeutig, als man vielleicht erwarten würde. Er verweist auf einen Satz von Jürgen Klopp: Erfolg sei Leistung in Relation zur Erwartungshaltung. Vor allem aber gehe es darum, die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen. „Durch deinen Fleiß, deinen Einsatz und deine Einstellung kommt eine Portion Erfolg auf dich zu. Wie groß sie sein wird, hängt von vielen Faktoren ab, die du vielleicht nicht alle beeinflussen kannst.“
Für ihn persönlich kann Erfolg deshalb auch etwas ganz Einfaches sein: gesund zu bleiben und weiterhin Tennis spielen zu können.
Überhaupt sind Disziplin, Respekt und Leidenschaft für Mihaylov keine leeren Begriffe. Sie sind die Grundlage für sportliche Entwicklung. Und sie gelten nicht nur für Spielerinnen und Spieler, sondern auch für Trainer. Sein Rat an die nächste Generation von Trainerkollegen fällt entsprechend deutlich aus: Wer diesen Beruf wählt, müsse bereit sein, sich weiterzuentwickeln und ständig dazuzulernen.
„Du musst bereit sein, auch als Trainer zu lernen. Nicht zu denken, du weißt alles und du hast schon alles gesehen.“ Sein persönlicher Leitsatz dazu ist ebenso einfach wie passend: „Wenn du fünf Minuten am Tag etwas gelernt hast, hat sich schon der Tag gelohnt.“
„Was mir am meisten Spaß macht? Wenn meine Arbeit ankommt.“
25 Jahre WTB haben viele Geschichten, Erfolge und Begegnungen hinterlassen. Besonders stolz ist Mihaylov auf die Siege beim damaligen Beilsteiner Spiele-Wettbewerb (jetzt WTB Talent Cup) mit verschiedenen WTB-Jahrgängen. Unvergessen ist auch die Zusammenarbeit mit Krejčíková und die Entwicklung zahlreicher Kinder und Jugendlicher, die er über Jahre begleiten durfte. Am Ende ist es aber nicht der Pokal, der für ihn den größten Wert besitzt. „Wenn ich auf dem Platz stehe und Kinder und Jugendliche trainieren kann, die gerne da sind, bereit sind, Wissen aufzunehmen und es zumindest versuchen umzusetzen – das macht mir am meisten Spaß.“
Seine Arbeit soll ankommen. Sie soll etwas auslösen, eine Entwicklung anstoßen und junge Menschen auf ihrem Weg begleiten. Vielleicht liegt genau darin auch die Erklärung für die Leidenschaft, die Mihaylov nach 25 Jahren noch immer ausstrahlt.
„Tennis hat mir unglaublich viel gegeben.“
Und ein bisschen von dem, was er als Kind selbst vermisst hat – optimale Bedingungen, Möglichkeiten und die Freiheit, Tennis so zu leben, wie er es wollte – gibt Mihaylov heute an die nächste Generation weiter.
Sein Weg begann an einer Ballwand in Sofia. Heute steht er als Verbandstrainer auf den Plätzen Württembergs. Und ans Aufhören denkt er noch lange nicht. „Wenn ich in der Lage bin, mich frei zu bewegen und jederzeit Tennis zu spielen, dann macht mir der ganze Tag Spaß. Dann bin ich bereit für alles.“
Ein Blick auf Genadi Mihaylovs Tennisreise
1978 - 1985
Erste Erfahrungen mit Tennis an der Ballwand in Sofia. Im Winter mangels Hallenplätzen kein reguläres Training.
1985 - 1988
Einstieg in das Wettkampfjugendtennis.
1988 - 1992
Spieler des ZSKA Sofia bei nationalen und internationalen Wettbewerben. Parallel Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,37 und 18 Monate Wehrdienst.
1993 - 1999
Spielertrainer beim TC Selters und Teilnahme an ITF-Preisgeldturnieren. Beginn der Trainerausbildungen.
1999 - 2000
A-Trainer-Ausbildung beim DTB. Bis heute nach eigener Aussage einziger bulgarischer A-Trainer im Tennis. Einstieg in die Herren-30-Turnierlandschaft.
2001 - 2005
Cheftrainer beim TC BW Vaihingen-Rohr und parallel WTB-Bezirkstrainer. 2004 Ende der aktiven Spielerkarriere.
2005 - 2009
Personaltrainer und Reisecoach sowie weiterhin WTB-Bezirkstrainer.
2009 - 2013
Cheftrainer beim TC Waiblingen. Verantwortlich für das Leistungskonzept und Trainer der Regionalliga-Damenmannschaft, unter anderem mit der damals 14-jährigen Barbora Krejčíková.
2013 - 2023
Angestellter WTB-Bezirkscheftrainer im Bezirk C Stuttgart-Böblingen-Calw.
Seit 2023
Dezentraler Verbandstrainer für die Region 2 nach der Neuausrichtung der Jugendkonzeption.